„Wir brauchen ein Reinheitsgebot für Plastik“

Ein Gespräch über Kunststoffe mit Christine Riehle, Gründerin von ReUse Heroes

Nicht alles Plastik ist schlecht. Es kommt auf die Nutzungsdauer an. Warum auf pflanzenbasierte Einwegkunststoffe besser verzichtet werden sollte, was es mit einem Reinheitsgebot für Plastik auf sich hat und warum der Regenwurm kein Bioplastik mag, erfahrt ihr in diesem Interview.

Hallo Chistine! Ist Plastik „böse“?

Christine Riehle - CEO & Geschäftsführerin der ReUseHereos GmbH

Christine Riehle, Gründerin und Geschäftsführerin der ReUse Heroes

(lacht) Plastik an sich? Natürlich nicht. Es hängt von der Umgangsweise ab, ob Plastik in Ordnung ist oder nicht. Plastik als Einwegprodukt oder Wegwerfartikel: Das ist das Problem, allzumal auch deswegen, weil wir in Bezug auf Plastikmüll nicht über geschlossene Recycling-Kreisläufe verfügen. Bekanntlich verschiffen wir unser Plastik überwiegend einfach in die sogenannte Dritte Welt, wo es dann zum großen Teil in den Ozeanen landet. Da sieht es mit Glas, Metall oder Papier ganz anders aus – da sind wir viel weiter.

Bei ReUse Heroes führen wir ja auch Produkte aus Plastik im Sortiment – aber nur wenn diese langlebig sind, möglichst nur aus einer Sorte Kunststoff bestehen und oft wiederverwendet werden können. Wir achten zudem auf gute Recyclebarkeit – dann steht Plastik anderen Verpackungsmaterialien für Essen und Trinken unterwegs wie Glas oder Edelstahl im Prinzip in nichts nach.

„Nicht Plastik an sich ist problematisch, sondern unser Umgang damit. Die einmalige oder kurze Nutzung ist der Wahnsinn. Das Material selbst ist aber nicht so negativ wie viele denken.“

Man liest immer wieder, dass sich durch die derzeitige Pandemie das Müllaufkommen im Bereich von Plastik noch weiter gesteigert hat.

Ja, das zeigt sich insbesondere an den Privathaushalten. Wir haben bereits im Sommer letzten Jahres mit Christian Behrens von der Deutschen Umwelthilfe darüber gesprochen. Beispielsweise sind die Delivery-Dienste derzeit die großen Gewinner. Wir bewegen uns nicht mehr zum Essen, sondern das Essen bewegt sich zu uns. Und die Folge ist: Unsere Mülltonnen quellen über. Dabei könnten wir gerade in der Krise durchaus von der Vergangenheit lernen.

Inwiefern?

Vor dem Plastik-Zeitalter mussten die Menschen ja auch irgendwie ihre Lebensmittel nach Hause transportieren und aufbewahren. Gerade Im Hinblick auf Plastikverpackungen besteht natürlich auch ein Zusammenhang zwischen dem Materialpreis und dem Materialgebrauch. Oder einfacher formuliert: Wäre Plastik nicht so billig, würden wir es auch nicht so bereitwillig wegwerfen. Das hat man früher nur mit Zeitungspapier so gemacht. Und das auch nur, nachdem man es zum Einpacken wiederverwendet hatte.

Hier könnte man über eine politische Steuerung viel erreichen. Aber insbesondere die Erdöl-Lobby ist natürlich sehr an einer hohen Produktion von Plastik interessiert. Für die Erdölindustrie ist klar: Die Produktion von Plastik ist der einzige Wachstumsmarkt – deshalb wird sie auch mit aller Macht ausgeweitet. Zwar macht Erdöl nur etwa 2% des Materials aus – doch das Gesamtvolumen an Plastik, das global produziert wird, ist gewaltig.

Gibt es nicht inzwischen Methoden, um erdölfreies Plastik herzustellen? Und was hältst du eigentlich von den neuen Arten von Kunststoffen, von denen man jetzt immer wieder hört? Die bestehen oft aus Weizenstroh oder Kaffeehülsen, etc.

Das Problem sind die Eigenschaften von Plastik. Denn Plastik besteht auch dann, wenn es pflanzliche Bestandteile hat und auf Erdöl verzichtet wird, aus Makromolekülen, die extrem haltbar sind. Sonst würde es ja auch Fett und Wasser nicht so gut abweisen.

Regenwürmer mögen kein Bio-Plastik. Und auch die Stadtreinigungsuntermehnen weisen darauf hin, dass man Bio-Plastik nicht im Bio-Müll entsorgen darf.

Besonders schlimm finde ich die Bezeichnung „Bio-Plastik“ für solche Stoffe. Denn diese suggeriert ja nicht nur nachwachsende Rohstoffe, sondern auch biologische Abbaubarkeit beziehungsweise Kompostierbarkeit. Und genau hierin liegt das Problem. Die gängigen Kompostieranlagen arbeiten mit einer Rottezeit, innerhalb derer sich Bioplastik nicht zersetzen kann. Und auch die Komposthaufen in Gärten sind hierfür völlig ungeeignet. In der Konsequenz wird Bioplastik meistens aussortiert und verbrannt. Beim Begriff Bio-Plastik handelt es sich also schlicht und einfach um eine Greenwashing-Strategie. Da wurde wieder eine völlig wirklichkeitsfremde DIN aus dem Boden gestampft. Das ist zwar positiv für die Plastik-Produzenten, hat aber fatale Konsequenzen, denn das regt natürlich zu einer Erhöhung des Verbrauchs von Einwegverpackungen an.

Auszug aus der DIN-Norm EN 13432

„Es ist nachzuweisen, dass mindestens 90 % des organischen Materials in 6 Monaten in CO2 umgewandelt werden. […] Nach 3 Monaten Kompostierung und anschließender Absiebung durch ein 2 mm Sieb dürfen nicht mehr als 10 % Rückstände bezogen auf die Originalmasse verbleiben.“ (DIN 13432)

Und die Realität

In der Praxis ist die Rottezeit in industriellen Kompostieranlagen oftmals deutlich kürzer als 6 Monate, so dass die biologisch-abbaubaren Verpackungen schon im Vorfeld aussortiert und fast immer thermisch verwertet (verbrannt) werden.

Es ist auffällig, dass gerade die Verpackungen im Lebensmittelbereich immer „schicker“ werden und immer hochwertiger aussehen. Selbst die Haptik ist nicht mehr so glatt wie früher, sondern oft schön rauh und papierähnlich.

Ja, es wird viel Geld in die Entwicklung sinnlich-ansprechender Plastikverpackungen investiert. Im Hinblick auf die Entsorgung bzw. das Recycling sind solche Mischprodukte aber viel problematischer als reines Plastik wie etwa Polypropylen oder Polyethylen. Verpackungen, die aus mehreren unterschiedlichen Sorten von Kunststoffen bestehen, lassen sich bei der Entsorgung und für das Recycling nicht mehr in ihren einzelnen Plastiksorten zerlegen. Deren Bestandteile sind so fest miteinander verbunden, dass es für eine Trennung eigene Recycling-Anlagen geben müsste. Das ist zu aufwendig und zu teuer ist. Dies gerade auch deshalb, weil der Ausgangsstoff im Verhältnis dafür viel zu billig ist.

Fünf Scheiben Wurst, eingeschweißt in sechs verschiedenen Sorten Plastik: Solche Verpackung können nur noch verbrannt werden. Der Appell an alle lautet also: Wenn ihr Plastik verwenden müsst, dann bitte sortenreines. Eigentlich brauchen wir ein Reinheitsgebot für Plastik.

Verwenden wir dagegen Kunststoffe, die rein sind – also reines Polypropylen oder Polyethylen – dann sind die Aufbereitungsanlagen in der Lage, hochwertige Recyclate herzustellen, die sich dann in neue Produkte verwandeln lassen.

Viele Menschen haben das Gefühl, dass es im Alltag schwer geworden sei, immer alles richtig zu machen. Oft sind die ökologischen Implikationen einer Handlung oder Kaufentscheidung schwer zu durchschauen.

Deinen Eindruck teile ich. Und die Industrie sowie die Lobbyverbände tun alles, um diese Verwirrung noch zu steigern. Denn: Wenn die Zweifel erstmal gesät sind, können sie einfach so weiter machen wie bisher. Weil es für die meisten Menschen undurchschaubar wird. Oder zu kompliziert. Dann kommt der Frust und am Ende ändert der Mensch gar nichts an seinem Verhalten. Bringt ja eh alles nichts, denkt man sich dann.

Was empfiehlst du der Verbraucherin bzw. dem Verbraucher abschließend in puncto Plastikverpackungen?

Für unseren Zusammenhang kann man ganz klar festhalten: Man sollte auf Unverpacktes setzen so weit das möglich ist. Dort wo Verpackungen nicht vermieden werden können, sollte man auf Mehrweg-Verpackungen setzen.

Und wenn Einwegverpackungen unvermeidlich sind, dann sollte man welche verwenden, die gut recycelt werden können. Aus dieser Perspektive ist Papier und Glas im Moment auf jeden Fall besser als Plastik.

Fünf Tipps von den ReUseHeroes

1. Einweg-Verpackungen vermeiden.
2. Mehrwegverpackungen nutzen und diese häufig wiederverwenden.
3. Falls Einweg-Verpackungen unvermeidlich sind, dann auf Recyclingfähigkeit achten.
4. Sortenreines Plastik verwenden und richtig entsorgen.
5. Bioplastik vermeiden, da es energieaufwendig produziert wird, schlecht recycelt werden kann und somit fast immer mit dem Restmüll verbrannt wird.

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